Innsbrucker Domkonzert zur Fastenzeit
MEIN HERR UND MEIN GOTT
Die Fastenzeit ist eine Zeit der Besinnung, der inneren Einkehr und des Innehaltens. Beim Innsbrucker Domkonzert zur Fastenzeit stehen Werke von Felix Mendelssohn, Antonio Vivaldi und Peteris Vasks auf dem Programm, die auf berührende Weise die Themen Buße, Trauer und Hoffnung thematisieren.
Mendelssohn Hymne "Hör mein Bitten"
Das Konzert beginnt mit Mendelssohns Hymne „Hör mein Bitten“, die sich durch ihre lyrische Melodik und emotionale Tiefe auszeichnet. Diese Hymne, die aus einem seiner geistlichen Werke stammt, ist eine eindringliche Bitte um göttliches Geleit und Trost in schweren Zeiten.
In der Fastenzeit bietet diese Komposition die Gelegenheit über das eigene Leben nachzudenken und sich der Gegenwart Gottes bewusst zu werden. Mendelssohn gelingt es, die Sehnsucht nach Frieden und Vergebung musikalisch greifbar zu machen.
Vivaldi "Stabat Mater"
Dieses Werk, das die Trauer der Jungfrau Maria über den gekreuzigten Sohn thematisiert, ist geprägt von tiefer Emotionalität. Vivaldi, bekannt für seine virtuosen Stile und lebendigen Rhythmen, bringt in diesem Werk eine andere Facette seiner Musikalität zum Vorschein. Die melancholischen Melodien und die eindringlichen Texte erwecken ein Gefühl der Empathie und des Mitgefühls und bieten eine tiefgehende Reflexion über Schmerz und Verlust.
In der Fastenzeit bietet das „Stabat Mater“ an, über das Leiden nachzudenken, auch im Hinblick auf persönliche Herausforderungen und das Streben nach innerem Frieden.
Mendelssohn Psalm 42 "Wie der Hirsch schreit"
Diese Komposition ist ein kraftvolles Beispiel für den Einfluss der Natur auf die menschliche Seele. Der Bildgebrauch des durstigen Hirsches, der nach Wasser verlangt, ist eine Metapher für die Sehnsucht des Menschen nach Gott.
Mendelssohns musikalische Sprache ist hier von einer ergreifenden Expressivität geprägt. Die dynamischen Wechsel zwischen Chor und Orchester schaffen eine beeindruckende Klanglandschaft, die den Zuhörer mit auf eine Reise der inneren Erneuerung nimmt. Es ist ein Aufruf, die eigene Spiritualität aktiv zu leben und auch in Zeiten der Dürre und des Zweifels nach der Quelle des Lebens zu suchen.
Robert Schumann urteilte, das Werk sei „die höchste Stufe, die er [Mendelssohn] als Kirchenkomponist, ja die neuere Kirchenmusik überhaupt, erreicht hat“
Peteris Vasks "Mein Herr und mein Gott"
Erstaufführung in Österreich (UE)
In dieser zeitgenössischen Komposition verbindet sich das traditionelle Element mit modernen Klängen und Ausdrucksformen. Vasks, einer der bedeutendsten lettischen Komponisten, der für seine spirituellen und oft meditativen Werke bekannt ist, greift in diesem Stück das Thema der Suche nach Gott auf. Es basiert auf einem Gebet, dass der Schweizer Asket und Mystiker Nikolaus von Flüe (1417–1487) täglich gebetet haben soll:
„Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.
Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir.
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir, und gib mich ganz zu eigen dir.“
Die Vertonung dieses Textes fordert die Zuhörer heraus, sich mit der eigenen Existenz auseinanderzusetzen und das Göttliche in ihrem Leben zu erkennen.
Peteris Vasks gelingt es, eine Atmosphäre der Kontemplation zu schaffen, die zur Fastenzeit passt. Die subtilen Harmonien und das musikalische Spiel von Licht und Schatten in der Musik spiegeln die komplexe Beziehung des Menschen zu Gott wider – voller Zweifel, aber auch voller Hoffnung. Dieses Stück lädt die Zuhörer ein, in sich zu gehen und über ihre eigene Spiritualität nachzudenken.
Das Innsbrucker Domkonzert zur Fastenzeit ist eine Einladung zur spirituellen Reflexion. Mit den Werken von Mendelssohn, Vivaldi und Vasks eröffnet sich den Zuhörern ein Raum zur Besinnung und zum Nachdenken über die großen Fragen des Lebens.
Die Aufführung im Innsbrucker Dom ist zugleich die Erstaufführung dieses Werkes in Österreich.
Christoph Klemm
Domkapellmeister am Dom St. Jakob Innsbruck